Viel Inspiration am diesjährigen Zukunftsforum Kerenzerberg

Nach einer pandemiebedingten Pause von zwei Jahren wurde das 5. Zukunftsforum Nachhaltige Textilien wieder am wortwörtlich aussichtsreichen Kerenzerberg durchgeführt.

Während zwei Tagen diskutierte das bunt gemischte Publikum intensiv über die Herausforderungen und Perspektiven des Textil- und Bekleidungssektors.

Die globale und zukunftsfähige Entwicklung wurde eindrücklich mit Beispielen und Aktivitäten von Textilfachleuten, Naturwissenschaftlerinnen, Ökonomen, Unternehmen, NGOs aus dem In- und Ausland untermauert.

Zukunftsforum Kerenzerberg

Eine Vielfalt von Themen und best practices
 

Das Polyester-Recycling gilt als Erfolgsmodell. Hier ist die Frage nach der Quelle des Polyesters wichtig. Rohstoffe wie PET aus Trinkflaschen sollte sinnvollerweise nicht für Kleider verwendet werden, da dieses den hohen Ansprüchen der Lebensmittelindustrie genügt und der Kreislauf bei uns optimal funktioniert. Für Textilien und Bekleidung sollten Polyester-Fasern aus anderem Ausgangsmaterial wie Kleidung, Seilen für den Outdoorgebrauch, Fischernetzen etc. gewonnen werden.

Textilien möglichst lange in einem Kreislauf zu behalten spart auch Ressourcen ein. Der Bereich der künstlichen Intelligenz mit ihren Apps und Anwendungen wiederum bietet enormes Potenzial, um z.B. die Passgenauigkeit von Kleidern zu verbessern. Mit einer selfscanning App (heute sind lediglich 30% aller Kleider passend designt) wird der Komfort stark verbessert und so die Nutzungszeit verlängert - und nebenbei auch die Zahl der energieintensiven Rücksendungen massiv reduziert. 

Oder das schnell wachsende Secondhand Angebot, aber auch Tausch- und Mietmodelle oder Repair Cafés, welche neben Ressourceneinsparung auch die Sensibilisierung und die Wertschätzung für Textilien und Bekleidung erhöhen. 

Welche Rolle kommt den Konsumenten und Konsumentinnen zu?
 

Ein Thema, das immer wieder zur Sprache kam, ist die Rolle der Konsumenten und Konsumentinnen. Was wissen sie, was wollen sie und wie viel kann ihnen zugemutet werden?

Konsumierende werden oft vorgeschoben, um Veränderungen hinauszuschieben, oder können einfach durch Greenwashing getäuscht werden.

Ein gewisses Bewusstsein für eine soziale und ökologische Textilproduktion ist zwar vorhanden. Dieses ist jedoch nicht sehr fundiert, weshalb einfache Lösungen bei der Kundschaft schnell verfangen, was für diejenigen Unternehmen frustrieren ist, deren Bemühungen ganzheitlich und die ihren Kunden gegenüber offen und transparent sind.

Insgesamt, so der Tenor, kann den Konsumenten und Konsumentinnen mehr zugetraut werden als bisher, und die Unternehmen sollten ihre Kanäle vermehrt dazu nutzen, um diese Sensibilisierung voranzutreiben und die vorgestellte Kampagne ab 2022 für nachhaltige Textilien unterstützen.

Gesetzliche Regulierung vs. freiwillige nachhaltige Geschäftspraxis
 

Ein heisses Thema war auch das Spannungsfeld zwischen gesetzlicher Regulierung und einer freiwillig nachhaltigen Geschäftspraxis.

Einerseits werden die politischen Bemühungen für eine nachhaltigere Wirtschaft (mit Blick auf Deutschland und die EU: Grüner Knopf, Lieferkettengesetz, Green New Deal) von den meisten begrüsst. Andererseits stellt dies kleinere bis mittlere Unternehmen vor grossen administrativen und bürokratischen Aufwand, da diese ihre Nachhaltigkeit beweisen müssen. Die Schweiz versucht hier einen möglichst freiwilligen Branchenweg zu gehen, der trotzdem ambitionierte Nachhaltigkeitsziele verfolgt und vielversprechend ist.

Ambitionierte Ziele für die Textilindustrie – bereit zur freiwilligen Verpflichtung und Aufruf zur Umsetzung
 

Die Ziele von Sustainable Textiles Switzerland STS 2030 wurden am Zukunftsforum offiziell bekannt gegeben und erläutert.

Die Ziele sind bereit zur Unterschrift. Engagieren Sie sich jetzt!

  • Ziel 1: Reduktion der Treibhausgasemissionen | Im Hinblick auf ein Netto Null Ziel bis 2050 reduziert die Schweizer Textil- und Bekleidungsbranche die Treibhausgasemissionen bis 2030 um 50 %.
  • Ziel 2: Förderung fairer Löhne und menschenwürdiger Arbeit für alle | Bis 2030 setzt der gesamte Schweizer Textil- und Bekleidungssektor (100 %) seine Sorgfaltsprüfungspflicht über die gesamte Lieferkette mit einem Fokus auf Arbeitszeiten, Zwangsarbeit, Kinderarbeit und sexuelle Belästigung um.
  • Ziel 3: Förderung innovativer Geschäftsmodelle hin zur Kreislaufwirtschaft | Die Kreislaufwirtschaft gilt als effiziente Antwort auf den immer noch zunehmenden Ressourcenverbrauch in der Textilindustrie und wird stetig und vielseitig weiterentwickelt. Mindestens 30 % der Produkte des Schweizer Textil und Bekleidungssektors sind bis 2030 nach Prinzipen der Kreislaufwirtschaft konzipiert.
  • Ziel 4: Transparenz, um sicherzustellen, dass nachhaltige Einkaufsentscheidungen getroffen werden können | Die Offenlegung von Nachhaltigkeitsinformationen ist die Grundlage der Bewusstseinsbildung der Konsument*innen und Grossabnehmer*innen. Bis 2025 legen 90 % der Schweizer Textil- und Bekleidungsbranche soziale und ökologische Nachhaltigkeitsinformationen offen.